IMPULS - Die Hammer Wirtschaftsagentur | ArInLas - Gegen Zeitnot im Krankenhaus
ArInLas
Gegen Zeitnot im Krankenhaus
Ein Namensschild, das mitschreibt: Zwei Gründer aus Hamm wollen die Krankenhaus-Dokumentation revolutionieren.
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„Was mich als Arzt am meisten frustrierte: Dokumentationen. Rund dreißig Prozent der Arbeitszeit habe ich damit verbracht. Ich bin Arzt geworden, um Menschen zu helfen.“ Dr. Marc Heiderhoff spricht aus, was viele in seinem Beruf denken, aber resigniert hinnehmen. Thomas Opfermann kennt das Problem von einer anderen Seite, aus seiner Zeit als Pfleger auf der Intensivstation, wo er vor dem Monitor stand und mit der Hand Einträge abschrieb. Als KI aufkam, war für beide klar: Das ist die Lösung. Nicht irgendwann, sondern jetzt.
Mit ihrem Startup ArInLas entwickelten Thomas Opfermann und Dr. Marc Heiderhoff gemeinsam mit ihrem Team rund um den Programmierer Yannick Amerkamp eine KI-Lösung, welche die Arbeit in Praxen und Kliniken erheblich erleichtern kann. „Wir haben die meiste Zeit darauf verwendet zu recherchieren, was es auf dem Markt gibt“, sagt Heiderhoff. „Wir konnten es kaum glauben, dass es das nicht gibt.“ Also haben sie es selbst gebaut. 2024 gründeten sie in Hamm die ArInLas GmbH – Artificial Intelligence Language Assistant.
Das Ding
Die Innovation wirkt schlicht: ein weißes Kästchen, etwas größer als eine Visitenkarte, leicht genug zum Anstecken per Clip oder Magnet. Solche Kleinigkeiten sind ihnen wichtig: wasserfest, desinfizierbar, durchdacht bis ins Detail. „Natürlich könnte man eine App aufs Handy laden“, sagt Opfermann. „Doch das ist unpraktisch – wer hält das dem Patienten vors Gesicht, mal ganz abgesehen vom Datenschutz.“
Das Gerät erklärt sich von selbst. Zwei Löchlein in der Front für Kamera und Mikro, ein Knopf für Videoaufnahmen, einer für Sprachaufnahmen – mehr nicht. Wird die Aufnahme auf den Computer oder aufs Smartphone überspielt, erscheint sofort eine formatierte Zusammenfassung, die sich nach den Anforderungen des jeweiligen Berichts richtet, für Ärzte oder Pflegekräfte. Natürlich muss das geprüft und unterzeichnet werden. Aber ein Großteil der Arbeit ist zeitnah erledigt.
Was die Innovation besonders auszeichnet, ist die unbedingte Bedienungsfreundlichkeit. Beide Gründer kommen aus der Praxis, haben selbst erlebt, woran Reform- und Digitalisierungsbemühungen im Klinikalltag scheitern.
„Echte Innovationen sind lange nicht auf den Krankenhausfluren gelandet“, meint Opfermann. Ihre Entwicklung denkt vom Nutzer aus, nicht von der Technik her. „Wie bekomme ich die KI an den Menschen, das ist die entscheidende Frage“, findet Opfermann. Auch die Hardware haben sie selbst entwickelt. Weil das, was sie brauchten, nicht existierte.
Am 1. Oktober begann ein erster Praxistest im „Reallabor“, in der Barbaraklinik in Hamm, die zu den St. Franziskus-Kliniken gehört. Zunächst standen technische Tests auf dem Programm, wie zum Beispiel Firewall und Software-Kompatibilitäten. Nach drei Tagen folgten die ersten Einsätze auf ausgewählten Stationen.
„Ich bin begeistert“, sagt Maria Slavova, Assistenzärztin auf der Gynäkologie-Station von Chefarzt Tobias Tan Tjhen. Slavova war skeptisch, hat das Gerät erst einmal zu Hause mit Freunden ausprobiert, bevor sie es in der Klinik einsetzte. Jetzt nutzt sie es täglich und spart damit zehn Minuten pro Patient – das summiert sich zu ein, zwei Stunden am Tag. Die Genauigkeit? „Bislang hundert Prozent.“
In einer ersten Feedbackrunde nach einer Woche äußerten sich alle Seiten zufrieden, Pflegekräfte, Ärzte und auch der Vorstand der St. Franziskus-Kliniken. „Das macht uns stolz“, sagt Opfermann. Was die beiden besonders freut, ist die hohe Akzeptanz von allen Seiten, auch von den Patienten. „Da hätten wir Vorbehalte erwartet“, gibt Dr. Heiderhoff zu. „War gar nicht so.“ Im Gegenteil. Patienten finden es auch nicht so toll, wenn das Personal keine Zeit für sie hat und ständig im Flur vor den Monitoren steht – am besten noch mit verschränkten Armen, weil sie gerade keinen Zugriff auf die Datei haben. Dass der Test auf Anhieb so gut lief, hat die beiden selbst positiv überrascht.
Die Gründer
Opfermann hat Product- and Assetmanagement studiert, eine Pflegeausbildung absolviert, bringt Kontakte zu IT und Hardware mit. Dr. Heiderhoff arbeitete als Arzt aus Überzeugung, ist Medizininformatiker und MBA. Aus persönlichen Gründen wechselte er in den Bereich der Administration und der Krankenhausleitung. Aktuell leitet er das Institut für Krankenhausinnovationsmanagement, eine Einrichtung der St. Franziskus-Stiftung in Münster. Dort stellte er 2021 auch Opfermann als ersten Mitarbeiter ein. Beide arbeiten dort nach wie vor.
2024 gründeten sie die ArInLas. Nach einer langen Phase der Marktrecherche absolvierten sie die eigentliche Entwicklungsarbeit in nur sechs Monaten. Die KI selbst entwickeln sie nicht, sie nutzen bestehende Systeme, die ausschließlich in Europa sitzen: etwa Corti aus Dänemark, ursprünglich für Rettungskräfte entwickelt. Andere KI-Anbieter haben bereits angefragt, weil sie mit ArInLas zusammenarbeiten wollen. Selbstredend denken die Gründer auch darüber nach, was im Kontext Krankenhaus ethisch vertretbar ist – Datenschutz, Transparenz, europäische Standards spielen hier eine große Rolle.
Gründungsstandort wurde Hamm, weil Opfermann und Yannick Amerkamp hier wohnen, den sie als ersten Mitarbeiter in ihr Startup holten. Dr. Heiderhoff lebt in Wuppertal.
Die Softwareentwicklung bleibt komplett in Hamm, und auch sonst setzt ArInLas möglichst auf lokale oder regionale Lösungen.
Das Marktpotenzial
200 Interessenbekundungen von Krankenhäusern liegen vor. Jetzt suchen Opfermann und Dr. Heiderhoff Beteiligungskapital und Personal. Die Hammer Wirtschaftsagentur IMPULS half bei der Fördermittelbeantragung. Außerdem bezuschusst das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie das Start-up über das Förderprogramm INVEST mit Wagniskapital.
Das Marktpotenzial der Innovation reicht weit über die St. Barbara-Klinik hinaus. Allein in Medizin und Pflege könnten unzählige Kliniken, private Arztpraxen und die ambulante Pflege profitieren. Aber Interesse besteht auch in ganz anderen Bereichen, zum Beispiel in Hochschulen bei der Aufzeichnung von Vorlesungen, bei Unternehmensberatungen oder in der Architektur. „Zahlreiche KI-Entwickler haben bei uns bereits angefragt, ob wir mit ihnen zusammenarbeiten wollen“, verrät Opfermann. Der Return of Invest? „Schwieriger auszurechnen als in anderen Branchen“, räumt Dr. Heiderhoff ein, wegen Personalschlüsseln und der Komplexität des Gesundheitssystems. „Aber wir werden in den nächsten Jahren noch mehr Personal brauchen und die Kräfte schonen, die wir haben.“
Die Hürden
Die Gründer hatten Skepsis der Patienten erwartet – davon zeigt sich bislang nichts. Und der Datenschutz? Den sehen die Gründer nicht als Hürde, sondern als unumgängliche Herausforderung. „Wir arrangieren uns mit den notwendigen Firewalls der Krankenhäuser und den bestehenden Sicherheitsanforderungen“, erklärt Dr. Heiderhoff. „Das ist bei Gesundheitsdaten so, völlig zu Recht, und dem stellen wir uns natürlich.“
Nun heißt es Personal finden, Geld einwerben. „Wir müssen jetzt einen Fußabdruck setzen“, sagt Opfermann. „Und der muss groß genug sein. Eher Größe 46 oder größer, um im Bild zu bleiben.“
Opfermann weiß, dass die Innovation kein Selbstläufer ist: „Achtzig Prozent der KI-Gründungen scheitern. Wenn wir zu den zwanzig Prozent gehören, ist das Potenzial immens. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Wir stehen am Anfang einer Entwicklung.“
Opfermann und Dr. Heiderhoff wagen es, die Dinge in die Hand zu nehmen – aus der Praxis heraus, für die Praxis. „KI zum Anfassen” lautet ein Slogan des Startups. In einem Bereich, wo große Not auf großen Nutzen trifft.
Jetzt muss die Lösung nur noch wachsen.
Invest Zukunft
Das Förderprogramm der NRW.BANK unterstützt Unternehmen, die in Innovation, Digitalisierung oder Nachhaltigkeit investieren mit zinsvergünstigten Darlehen (2 % unter Marktzins) und Tilgungsnachlässen bis 20 % bei Darlehen bis 10 Mio. Euro. Fragen zur Beantragung beantwortet bei der IMPULS:
Doris Ellingen
Tel. 02381 / 9293-402
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